DRUCK!

Staatstheater Nürnberg

© Ludwig Olah
Mitwirkende

Autor: Arad Dabiri
Regie: Tuğsal Moğul
Bühne, Kostüm: Ariane Salzbrunn
Musik: Tobias Schwencke
Dramaturg: Paul Berg
Licht: Jan Hördermann
Ton und Video: Christian Friedrich

Besetzung:
HASSAN: Ioachim-Wilhelm Zarculea
SHIRIN: Valentina Schüler
OMAR: Davíd Felipe Gavíria Magalón
MURAT: Kinan Hmeidan
FREDDIE: Leon Wieferich

Wien, 2025. Nach einem missglückten Drogendeal steht ein junger Mann vor Gericht. Das Urteil: bislang unklar. Seine Geschwister Shirin und Hassan sowie ihre Freunde Omar, Murat und Freddie, WhatsApp-Gruppe „Straßenköter“, warten auf die finale Entscheidung – jedoch mit sehr unterschiedlichen Ansichten über mögliche Konsequenzen. Während Shirin die Zukunft des Bruders als zwangsläufige Entwicklung des Widerstands gegen erwartete Integration versteht, verbinden sich bei Hassan Verantwortungsgefühle und Systemkritik zu einer politischen Zündschnur, die in einer Demo ihren letzten Funken fangen soll. Jetzt: Und keinen Tag später.

Feinfühlig-präzise setzt Arad Dabiri das Skalpell an und seziert die großen Themen von Identität, Zugehörigkeit, Herkunft und Zuhause Sein, in einem von Klassismen und Rassismen sozialisierten Gesellschaftssystem. Und stellt damit die Frage nach der Gewalt des (Un-)Gesehenen und (Un-)Ausgesprochenen. Poetisch und rau, unmittelbar und vehement. Pur.

Regisseur Tugsal Mogul setzt in der Inszenierung auf genau diese sprachliche und inhaltliche Vielschichtigkeit und verpasst Dabiris Text einen Herzschlag in Form von pulsierenden chorischen Passagen und einer speziell für die Nürnberger Inszenierung geschriebenen Zusatz. Und das gilt nicht nur für den Text: Der Herzschlag aller Spieler*innen des Abends wird live auf die Bühne übertragen. So privat wie universell menschlich. So fühlbar wie abstrakt. Eben wie Dabiris Text: Direkt ins Herz.

Wenn junge Helden auf der Bühne ins Straucheln kommen
„Das Stück ‚Druck‘ zeigt junge Menschen, die zwischen Gesetzen und Vorurteilen ins Straucheln geraten. Die Premiere in Nürnberg wurde bejubelt. Wir wissen auch, warum.

Vor einem Jahr hörte ich beim Stückemarkt des Heidelberger Theaters das erste Mal von dem in Wien geborenen Autor Arad Dabiri. Er hatte mit seinem Roman ‚Drama‘ den Österreichischen Buchpreis gewonnen, war Nachwuchsautor bei der Umfrage von ‚Theater heute‘ geworden; jetzt lasen Schauspieler des Theaters einen Text mit dem ebenso knappen Titel ‚Druck‘ . Wir waren beeindruckt; nicht nur ich, sondern auch die Jury des Stückemarktes: Dabiri gewann den Autorenpreis und Nürnbergs neue Schauspielchefin Lene Grösch, früher in Heidelberg tätig, sicherte sich den Text und brachte ihn mit. Inszeniert von Tuğsal Moğul hatte ‚Druck‘ nun in den Kammerspielen eine zu Recht bejubelte Premiere.

Dabiri, 1997 geboren, verfolgt die Lebenswege einer Gruppe junger Leute, die mit dem Gesetz in Konflikt und mit Vorurteilen ins Abseits geraten. Es geht um Drogen, aber vor allem um Entscheidungen und Konsequenzen, um einen Platz in einer Gesellschaft, die ihnen das Ankommen schwer macht. Es ist ein düsteres Szenario, in das Dabiri seine strauchelnden Helden schickt, doch es ist die gar nicht gekünstelte oder entstellte Realität für die Gruppe, die sich zwischen Integration und Selbstbehauptung, verbaler Auseinandersetzung und Gewalt zu entscheiden hat.

Raumgestaltung und Figurenkonstellation auf der Bühne
In Nürnberg hat Ariane Salzbrunn dafür einen sprechenden Raum geschaffen. Die Bühne lässt den fünf Spielern fühlbar nur wenig Platz: ein Sehschlitz, in den sie sich sitzend klemmen, das aufrechte Stehen ist unmöglich, ständig drücken die Wände gegen die Körper. Auch von links und rechts werden sie später immer näher kommen. Hassan (Joachim-Wilhelm Zarculea) hockt dann eingeklemmt zwischen diesen Mauern und spricht von Befreiung. Dass sie endlich auseinandergeschoben werden von der taffen, lebens- und willensstarken Shirin (Valentina Schüler), ist eine hoffnungsstarke Botschaft. Auch nach der missglückten Revolte werden Omar (David Felipe Gaviria Magalón), Murat (Kinan Hmeidan) und Freddie (Leon Wieferich) ihren Weg weiter aus der Enge suchen.

Arad Dabiri arbeitet in seinem Stück sehr geduldig die verschiedenen Standpunkte und Argumente heraus. Er sagt, es seien kollektive Probleme, die hier zur Sprache kommen, aber sein Anspruch sei es, die individuellen Denk- und Handlungsweisen offenzulegen, Charaktere aufeinanderprallen zu lassen. Diskriminierung, Widerstand, Identitätsstolz, rechter Populismus: Er liefert in ‚Druck‘ keine Antworten, lässt mögliche Lösungen im Raum schweben, aber er zeigt eine ganze kleine Welt, die neben uns existiert, deren Fremdheit er aufbrechen will. ‚Das Anderssein als Chance, das Durchsetzen von Individualität nicht als Kampfansage, sondern als Angebot, eine Gesellschaft zu schaffen, die nicht in ihren Stereotypen stecken bleibt,‘ schrieb ich damals.

Inszenierung und gesellschaftliche Themen im Fokus
Umgesetzt ins Spiel, funktionierte das in Nürnberg beeindruckend. Tuğsal Moğul beginnt seine Inszenierung unaufgeregt, die Jungs berichten von Ereignissen und Gefühlen, plaudernd. Doch mehr und mehr wird ihnen ihre verfahrene Situation bewusst, gibt es Versuche, der Enge des Daseins und des Denkens zu entfliehen. Besonders Valentina Schüler sträubt sich auch körperlich mit einer unbändigen Energie gegen die Ungerechtigkeit des Systems, die offensichtlichen Zwänge einer Gesellschaft, in der Migranten eigentlich immer nur kämpfen müssen.

Integration bleibt ein Fremdwort: vom lateinischen integratio stammt es ab und bedeutet eigentlich ‚Erneuerung‘. Das schließt beide Seiten einer Wertegemeinschaft ein, meint die Wechselwirkung und auch die Anpassung. Integration funktioniert naturgemäß nie eingleisig, lebt von Kompromissen, von Spannungen, auch von der Lust auf Unbekanntes, von Respekt. Unter ‚Druck‘, das zeigt die Nürnberger Aufführung, geht sie schief.“
[Nürnberger Nachrichten vom 30.11.2025, Bernd Noack]

© 2026 Tuğsal Moğul

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